„Puh. Irgendwie bin ich heute mal wieder mit dem falschen Fuss aufgestanden“,

denkt Eva. Sie sitzt mit einem dampfenden Becher voll Kaffee am Frühstückstisch und hört in sich hinein. Irgendetwas stimmt nicht. Sie kennt diese Tage. Weltschmerz. Es ist, als würde das Gewicht der gesamten Erde auf Evas Schultern lasten. Die bunten Streifen an der Tapete neben dem Küchentisch sehen ausgeblichen aus, der Kaffee scheint dünner zu sein, als sonst und das Leben da draussen geht einfach mal wieder viel zu schnell. Eigentlich läuft alles wunderbar und sie mag ihr Leben, so wie es ist. Aber es gibt so einzelne Tage im Jahr, an denen Eva gern mal kurz aussteigen würde. Alles ist ihr zu viel an diesen Tagen und sie fühlt sich den Reizen ihrer Umgebung völlig ausgeliefert. Sie weiss nicht genau, woher das kommt, nur dass es morgen wieder vorbei sein wird.

Den Kopf unter der Bettdecke vergraben und still das Leid der ganzen Welt ertragen.

Das ist es, was Eva an diesen Tagen am Liebsten machen würde. „Ich sollte wirklich etwas dankbarer sein“, denkt sie. Schuldgefühle drängen an die Oberfläche. „Es geht mir doch so gut. Ich habe einen Job den ich mag, einen Freund den ich liebe, tolle Leute um mich herum und alles was ich brauche um jetzt und in Zukunft glücklich zu sein. Ich habe kein Recht dazu, hier zu sitzen und Trübsal zu blasen und ausserdem interessiert das auch überhaupt Niemanden“. Also reisst sich Eva zusammen, zwingt ihr Spiegelbild zu einem Lächeln, sagt sich selbst, dass sie gut drauf ist und geht an die Arbeit. Der Tag im Büro verläuft normal und in der Mittagspause wird Eva wie so oft von ihrem Chef gefragt, wie sie es schaffen würde, immer so gut drauf zu sein.

„Wenn Sie nur wüssten“, würde Eva am Liebsten darauf antworten. Aber sie lächelt, macht einen Witz und wechselt das Thema. Es fühlt sich alles so falsch an, an diesen Tagen…

„Ich könnte ausrasten vor Glück!“,

denkt Robert. Vor ein paar Tagen hat er erfahren, dass er ein zweites Mal Papa werden wird. Alles ist perfekt, tausend Emotionen rasen durch Roberts Kreislauf und bringen sein Blut beinahe zum Überkochen. Aber er muss die Kontrolle behalten. Er schaut in den grossen Spiegel mit dem dunklen Holzrahmen im Flur, richtet seine Krawatte, streicht sich prüfend über den perfekt frisierten Bart und macht sich auf den Weg ins Amt. Er hat dort viel Verantwortung und darf auf keinen Fall Schwäche zeigen. Es gibt mindestens 10 Leute, die scharf auf seinen Posten sind. Diese gilt es in Schach zu halten und als Respektsperson aufzutreten. Emotionen wie diese sind da völlig fehl am Platz. Das „Sie strahlen heute Morgen schon wie die Sonne“ seiner Sekretärin, beantwortet Robert mit einem kühlen Kopfnicken. Am liebsten würde er der netten Dame um den Hals fallen und ihr bei einem Kaffee erzählen, wie glücklich und aufgeregt er ist. Aber das wäre falsch. Robert hatte seine neue Sekretärin vor zwei Jahren nur nach seinem Bauchgefühl ausgewählt, er lässt sich bei Entscheidungen dieser Art meistens von seinen Emotionen leiten. Aber das würde er natürlich nie jemandem erzählen, denn dafür ist hier kein Platz. Was würden denn die Leute dann von ihm denken. Alles was zählt, sind Zahlen, Fakten und ein perfekt frisierter Bart, kein Platz für Schwächen, kein Platz für Emotionen. Robert und Eva begegnen sich zufällig auf der Strasse vor dem Amt. Ihre Blicke treffen sich. Sie lächelt, obwohl ihr eher zum Weinen zumute ist, er verzieht keine Miene, obwohl er gerade am liebsten die ganze Welt umarmen würde. Sie tragen ihre Masken mit Stolz, weil sie glauben, es würde von ihnen erwartet werden.

Was wäre, wenn sich alle Evas und alle Roberts nur für einen einzigen Tag demaskieren würden?

Wenn er ihren Schmerz erkennen würde und sie sein Glück sehen könnte? Wenn sie sich ausweinen dürfte und er schreiend in die Luft hüpfen könnte? Wenn sie sich wirklich wahrhaftig begegnen und sich wirklich sehen würden? Wird wirklich von uns erwartet, dass wir uns Tag für Tag maskieren?

Elli Kutscha