Müde sitzt der Büroangestellte an seinem Schreibtisch und schaut in den Monitor. Die Schrift ist verschwommen, was dort steht, interessiert ihn nicht. Sein Blick schweift zum Kalender. Leise zählt er die Tage bis zum nächsten Urlaub. Nebenan in der Fabrik steht ein Mann an einer Maschine. Er kennt jeden Handgriff genau, jedoch nicht den Grund seiner Arbeit. Er hatte viele Ideen, etwas zu verbessern. Die wurden alle abgebügelt. Heute ist es ihm auch egal, denn er hat vor Jahren bereits mit seiner Arbeitsstelle abgeschlossen. Sein Chef sagt ihm jeden Tag, was er zu tun, meistens jedoch, was er zu lassen hat. Seine Fehler bekommt er immer gleich aufs Brot geschmiert. Das Ergebnis zählt nicht. Und so geht es auch der Kassiererin an der Kasse, die sich gedanklich mit dem monotonen Piepsgeräusch in die Karibik träumt. Was haben diese Menschen gemeinsam? Einen Traum, der verloren gegangen scheint. Einen Traum, in diesem Leben noch irgendetwas zu reißen oder verändern zu können. Ideen hätten sie zur Genüge, die will jedoch niemand wissen. Heute sind sie nur noch Befehlsempfänger, die Tag für Tag auf ihren Feierabend hinarbeiten.

Was ist da schief gelaufen? Ich bin neulich auf einen sehr interessanten Podcast gestoßen.  Diese 4 Minuten haben mich zum Nachdenken angeregt und mich dazu ermutigt, diesen Blog zu schreiben! (Das Video startet bei 12.00 Minuten).

Im oberen Podcast geht es um das Thema Glück und wie es wäre, ein glückliches Leben zu haben. Zu Gast ist Maike van den Boom, eine sympathische Bestsellerautorin, die einige Zeit in Schweden lebte. Sie berichtet in diesem Video von ihren Erlebnissen. Und davon, wie die Dinge dort anders gehandhabt werden. Über all dem steht nur ein Wort. Etwas, das hier in unserem Land so langsam verloren geht: INDIVIDUALITÄT.

Es geht schon in der Schule los. Jedes Kind bekommt den gleichen Stoff, jeder soll das Gleiche lernen. Was zählt, ist Leistung, die mit Noten beurteilt wird. Unsere Kinder werden zugeballert mit Stoff und kommen gar nicht mehr zum Nachdenken.

Was ist mir wichtig im Leben, wo will ich hin?

Anstatt Talente zu fördern, wird auf die Schwachstellen der Kleinen geschaut. Wer etwas nicht hin bekommt, erhält schlechte Noten. So züchtet man nach und nach Menschen, die entweder in der Spur laufen oder „hinten runterfallen“. Ein deutliches Ergebnis dieser Gleichschaltung durfte ich neulich sehen, als ich meine Tochter von der Schule abholte. Aus dem Schultor schritt eine Klonarmee. Alle hatten gleiche Frisuren, gleiche Schuhe, gleiche Klamotten und gleiche Handies.  Wo waren bitte die Punks, die Gothics, die Individualisten, die damals unseren Schulhof so bunt gemacht haben.

Gehen wir mal weg vom Aussehen und hin zu den Talenten, die ein jedes Kind in sich trägt. Wie wäre es denn, wenn man Michael musikalisch fördert, denn er spielt mit Leidenschaft Gitarre und wünscht sich eine Band. Dazu ist jedoch keine Zeit, denn er muss Mathe lernen. Annett fördert man im Sprachbereich, denn sie spricht jetzt schon vier Sprachen und möchte später mal die Welt bereisen. Dazu ist jedoch keine Zeit, denn sie muss Mathe lernen. Lukas kennt die Anatomie des menschlichen Körpers genau, Lisa ist modeinteressiert und Achim liebt es, an Autos zu schrauben. Sie haben alle keine Zeit, denn sie müssen Mathe lernen. Wir vernichten dadurch Individualisten, die später vielleicht etwas Wunderbares erschaffen könnten. Jeder wird in das gleiche Schema gepresst. Anstatt unseren Kinder dann wenigstens in ihrer Freizeit die Chance zu geben, ihren Träumen nachzugehen, werden sie mit Hausaufgaben zugeballert bis sie abends fertig ins Bett fallen. Da geht so mancher Traum irgendwann verloren.

Ich sehe es doch täglich bei meiner Tochter …  Hätte ich etwas zu sagen, wären meine Hausaufgaben jeden Tag:

Geht heute Nachmittag euren Träumen nach. Probiert euch aus!

Alle Menschen, die auf unserer Erde etwas Wunderbares erschaffen haben, die mit ihrer Idee die Welt veränderten, trugen immer einen Traum in sich. Diesen verfolgten sie unbeirrt. Da treffen sich Freunde und drehen einen Film, der 1000 Seelen berühren wird. Fünf Jungs schreiben im Proberaum einen Hit, der die Charts erobern wird.  Zwei Mädchen basteln in einer Garage eine Maschine, die vielen Menschen helfen wird. Ein anderes Mädchen entwirft eine innovative Kollektion. Es wurden schon aus den beklopptesten Ideen, große Erfindungen. Was man dafür braucht, ist Zeit und Leidenschaft. Warum geben wir es nicht unseren Kindern?

Ich weiß nicht, wie viele Monate an Zeit ich in die Vorbereitung des Akustikabends gesteckt habe. Es war mir auch egal, denn ich tat es mit Liebe und ich verfolgte einen Traum. Genau das trieb mich an! Die 1000 Stunden Vorbereitung waren für mich keine Arbeit, sondern Leidenschaft.

Und so können wir eine Brücke in die Arbeitswelt schlagen. Wie wäre es, wenn Firmen oder Arbeitgeber die Talente ihrer Mitarbeiter in den Vordergrund stellen, anstatt alles in Schubladen zu stecken oder mit Regeln festzuziehen. Was wäre, wenn man den Ideen seiner Mitarbeiter Freiräume schenkt, anstatt sie nur zu belächeln. Man hätte motivierte Menschen, die sich ausprobieren, die vielleicht scheitern und daraus lernen. Oder etwas Wunderbares erschaffen. Mitarbeiter, die gern an die Arbeit kommen und ohne zu murren, auch mal ein paar Stunden länger bleiben. Vielleicht sogar eine Nacht durcharbeiten. Wenn sie dann noch gelobt werden, kann es sogar passieren, dass sie singend zur Arbeit fahren und nie wieder krank werden 🙂

„Was bist du denn für eine Person und bringst du vielleicht eine Eigenschaft mit, die uns noch fehlt. Hier ist der Schreibtisch, zeig mal was du zu bieten hast“.

Die Welt ist im Umbruch und der Arbeitsmarkt mit ihnen. Vielleicht ist es an der Zeit umzudenken. Anstatt immer neue Regeln zu schaffen, lieber den Mitarbeitern mehr Verantwortung geben. Sie auch mal machen lassen, mit allen Konsequenzen. Es kann nur etwas Gutes entstehen, wenn der Geist frei ist. Schaut mal in die nordischen Länder, die scheinen es ja besser drauf zu haben 🙂