„Getadelt wird, wer Schmerzen kennt“, singt Til Lindemann, Sänger der Band Rammstein. Recht hat er. Wenn einen der Schmerz erstmal eingenommen hat, gerät so einiges aus den Fugen. Da kann ein lebensfroher, gut gelaunter Mensch mal schnell in der Ecke sitzen und sich mit Selbstmordgedanken rumärgern. Warum ich das schreibe? Ich habe genau dieses Szenario durch. Vor zwei Jahren Zwerchfell Operation. Der Arzt sagte noch zu mir: Mal sehen, in welche Richtung sich das so entwickelt. Ich gutgläubig abgewunken und operieren lassen. So positiv sich viele Dinge bisher entwickelt haben (Asthma weg, Sodbrennen weg, neuer Lebensweg), hatte ich von diesem Tag an einen treuen Freund und Begleiter: Den Schmerz. Morgens nach dem Aufstehen begrüßte er mich mit einem heftigen Ziehen auf der linken Rückenseite, mittags zeigte er mir, was Nackenschmerzen sind und abends kamen dann die klopfenden Schulterschmerzen hinzu.

In den ersten Wochen trug ich die Hoffnung in mir, dass es bald vorbei sei. Nach ein paar Wochen begann ich den Schmerz zu hassen, auf ihn zu schimpfen. Nach ein paar Monaten fühlte ich nur noch Resignation. Später kamen Depressionen dazu. Über die letzten zwei Jahre hinweg, hat mich der Schmerz verändert. Die gute Nachricht, nicht nur zum negativen. Heute weiß ich, dass man ihm nicht machtlos ausgeliefert ist. Man muss sich von seinem Körper nicht alles gefallen lassen. Durch vieles Lesen und Ausprobieren habe ich einen Weg gefunden, meinen Freund im Zaum zu halten. Das Thema Schmerz ist sehr individuell und trotzdem möchte ich in diesem Blog mal meine Erfahrungen zu Papier bringen. Hier meine 9 Punkte, dem Schmerz entgegen zu treten:

Bewerte deinen Schmerz nicht!

Das hat mal eine sehr gute Physiotherapeutin zu mir gesagt. Diesen Satz fand ich erstmal selten dämlich. Wie soll ich etwas nicht bewerten, dass mir weh tut? Nun ja, Schmerzen haben eine bestimmte Funktion im Körper. Da unser Körper nicht mit uns sprechen kann, sagt er es uns liebevoll mit erhöhter Muskelspannung. Setzt dich mal gerade hin! oder Bleib mal locker! oder Bewege dich mal wieder! oder Wenn du jetzt weiter so läufst, geht das Fußgelenk kaputt! Aus dieser Sichtweise kann man seine Schmerzen auch als etwas Positives betrachten. Dein Körper möchte dir helfen! Wenn du jedoch innerlich gegen deine Schmerzen kämpfst, sich darüber aufregst, ihn ständig bewertest oder verfluchst, steigt die Spannung immer weiter. Dieser Kreislauf wird dir noch größere Schmerzen bereiten. Nach einiger Zeit entwickelt dein Gehirn das sogenannte Schmerzgedächtnis. Du hast dir über Monate hinweg erzählt, das etwas Schlimmes passiert. Irgendwann meldet dein Gehirn Gefahr, ohne das überhaupt noch ein Problem besteht. Eine Dauerverbindung, die nur noch schwer zu durchbrechen ist. Ein Physiotherapeut hat mir das mal so erklärt:

In einer Firma ruft jeden Tag ein Mitarbeiter in der IT an, dass sein Drucker nicht geht. Und jeden Tag geht der ITler runter und sieht nach dem DruckerDas geht über eine sehr lange Zeit so. Als der Drucker wieder funktioniert, kommt der ITler trotzdem jeden Tag runter um nachzusehen. Erst nach langer Zeit wird ihm bewusst, dass er nicht mehr nachsehen muss.  

Das Thema Schmerzgedächtnis habe ich erstmal nicht geglaubt und bis heute gibt es verschiedenste Meinungen dazu. Jedoch die Abende mit Freunden haben mir bewiesen, dass da was dran ist. Saßen wir zusammen und lachten, spürte ich keine Schmerzen. Waren alle aus dem Haus, ging es wieder los.

Seine Schmerzen komplett zu ignorieren und das Schmerzgedächtnis mit ständiger Einnahme von  Schmerzmittel zu bekämpfen, ist ja auch keine Lösung. Bei akuten Schmerzen ok, um erstmal Ruhe ins System zu bringen. Jedoch wirst du auf Dauer heftige Nebenwirkungen bekommen.

Am besten fährst du damit, deine Schmerzen wahrzunehmen, ohne ihnen große Bewertung zu schenken. Dies lernst du super beim Meditieren. Dadurch beruhigt sich dein Gehirn und die Nervenimpulse werden weniger. Zusätzlich wird es nun deine Aufgabe sein, herauszufinden, was dein Körper dir sagen will. Das ist leider so vielschichtig, wie die Farben eines Schmetterlings 🙂

Finde heraus, was dir gut tut.

Wie schon geschrieben, ist dieser Punkt gar nicht so einfach. Klar, Bier zu trinken ist schmerzlindernd (es lockert die Muskulatur). Jedoch auf Dauer kontraproduktiv. Schmerztabletten auch, sie unterdrücken nur die Symptome. Ich war oft der Meinung, Krafttraining wäre ideal für mich (Ein starker Muskel kennt kein Schmerz.) War wohl nix. Beim Training tritt der Schmerz erst mal in den Hintergrund (Bewegung / Glückshormone usw.) Die Quittung kommt am nächsten Tag. Durch das Krafttraining wird der Muskeltonus erhöht, heißt die Schmerzen steigen. Mir hat das Laufen sehr geholfen. Wichtig dabei: locker laufen, nicht rennen! Der Körper mag lockere, monotone Bewegungen, Sauerstoff und den Wald. Immer im Pulsbereich von ca. 140 bleiben, nicht höher. Bleib im anabolen Bereich, das macht den Kopf frei, die Muskulatur wird durchblutet und du bekommst eine extra Portion Serotonin obendrauf. Serotonin ist ein natürlicher Schmerzkiller. Bei akuten Schmerzen solltet ihr jedoch erst mal spazieren gehen oder walken!

Eigenverantwortung übernehmen / neugierig bleiben

Man, was war ich damals bei Ärzten und Orthopäden. Die Zeit hätte ich gern wieder. Die Wahrheit: Ärzte können dir nicht helfen. Das Thema Schmerzen ist zu komplex und jeder reagiert auf etwas anderes gut oder schlecht. Eine weit verbreite Fehlannahme ist, das Schmerzen mit kaputten Gelenken zu tun haben. Warum gibt’s dann 80 Jährige mit defekten Bandscheiben, die immer noch Marathon laufen und keinerlei Schmerzen haben. Das Problem ist zu 95 % die zu erhöhte Muskelspannung an dieser Stelle. Eine Operation ändert oft nichts am Schmerzverhalten, er wird wiederkommen. Eine OP ist die allerletzte Option!

Ärzte haben leider oft nicht das Wissen und die Zeit und schieben gern die Psyche vor, um eine Diagnose zu haben. Auch Physiotherapie ist auf Dauer sinnlos, denn dein Physiotherapeut kann dich irgendwann nicht mehr sehen 🙂 Besser ist: ÜBERNIMM SELBSTVERANTWORTUNG. Lies Bücher, durchforste das Netz und bleib neugierig. Eine schöne Form ist es, dich in Foren zu deinem Problem auszutauschen. Dort triffst du auf Menschen, die den selben Weg gehen oder gegangen sind. Oft haben diese die seltsamsten Ansätze, die jedoch genau dein Problem beheben. Du kannst nicht sagen, dass es nicht hilft, wenn du es nicht ausprobiert hast. Dr. Ulrich Strunz hat mir mit seinem Buch Strategien der Selbstheilung die Augen geöffnet. Nur du selbst bist für deinen Körper und dein Wohlergehen verantwortlich. Kein Anderer! In diesem Buch befindet sich auch ein Schlüsselsatz. Ist eh schon scheiße, jetzt erst recht 😉 Nachdem ich dieses Buch durchgelesen hatte, habe ich mir Laufschuhe gekauft und bin los gelaufen.

Bewege dich

Ich brauche keinen zu erzählen, dass unser Körper nicht für den Bürostuhl gemacht ist. Über den Tag baut sich die muskuläre Spannung im Sitzen immer weiter auf und hat am Abend ihren Höhepunkt erreicht. Klar ist es nun einfacher eine Schmerztablette einzuwerfen und sich aufs Sofa zu legen, jedoch bekommt ihr irgendwann die Quittung dafür. Wenn ich etwas empfehlen kann, ist es Yoga. Viele haben eine Abneigung zum Yoga, wegen der Esoterik. Jedoch die Esoterik hat mir am meisten geholfen. Yoga kann man super in den Alltag integrieren und jederzeit darauf zugreifen. Dort kommst du in alle Bewegungen rein und lernst deinen Körper viel besser kennen. Eigentlich ist es auch egal, welchen Sport du machst, Hauptsache es bereitet dir Freude und es tut dir gut. Es ist nie zu spät mit Sport anzufangen. Und wenn du mit 80 das Klettern beginnst. Der Weg ist das Ziel!

Iss gesund / Schlaf gut

Gääähn. Gesunde Ernährung. Ein ausgelutschtes Thema. In Bezug auf Schmerzen jedoch nicht zu unterschätzen. Gutes Eiweiß z.B. bildet Aminosäuren welches wiederum für die Bildung bestimmter Hormone (Schmerzlinderung / Glücksgefühle) zuständig ist. Gleiches gilt für Vitamine und Mineralstoffe. Also, viel frisches Gemüse, saures Obst (Beeren usw.), wenig Kohlenhydrate (Pizza / Brot / Zucker). Dazu viel trinken, bestenfalls mineralstoffreiches Wasser und ein paar Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) (siehe unten)

Gleiches gilt für den guten Schlaf. In der Nacht wird repariert und aufgeräumt. Nach einer durchzechten Nacht haben sich meine Schmerzen gefühlt verdoppelt.

Teste Hypnose / Meditation

„Wenn Sie erwachen, sind sie ein Huhn.“ Viele halten Hypnose für einen Showact. Abstruse Gurus machen auf Bühnen mit Trockennebel ihre Zuschauer zu willenlosen Objekten. Die Alternativmedizin hat Hypnose lange zuvor schon für sich entdeckt und behandelt damit erfolgreich Schmerzpatienten. In meiner schlimmsten Phase ging ich zur Hypnose. Der Hypnotiseur nahm mir in der ersten Hypnose die Angst vor dem Schmerz, was der erste Schritt zur Besserung war. Ein weiterer positiver Effekt ist die innere Entspannung. Später kann man auch die Selbsthypnose nutzen. Es gibt sehr viele Youtube Videos zu diesem Thema. Einfach hinlegen, ausprobieren und DRANBLEIBEN!

Triff dich mit Freunden

Sie sollten sich hin und wieder mal betrinken, sagte mir der Arzt vor der OP. Heute weiß ich, was er mir damit sagen wollte. Wenn ich in Gesellschaft bin, mit Freunden zusammen sitze, grille, lache, erzähle, spüre ich keinen Schmerz. Unser Gehirn kann sich nun mal nur auf eine Sache konzentrieren. In diesem Fall eher auf den schönen Moment, als auf die Schmerzen. Das geht natürlich auch ohne Alkohol. Am Arbeitsplatz, wenn es wieder schlimmer wird, einfach diese Situation vorzustellen. Lächelnd verschwindet der Schmerz von allein.

Faszientraining / Triggerpunktbehandlung

Das Thema Faszien ist schon lange in aller Munde. Stellt euch Faszien als riesiges Spinnennetz vor, das sich durch unseren gesamten Körper zieht. Diese verändern sich stetig und passen sich unserer Lebenssituation an. Was sie gar nicht mögen, ist zu wenig Bewegung, einseitige Belastung oder auch Operationen. Dadurch verkleben sie und es entstehen schmerzende Triggerpunkte. Fühlt mal mit euren Fingern an den Stellen, die weh tun. Dort befinden sich fast immer Verhärtungen. Durch gezielten Druck kann man hier den Schmerz herunterfahren und Linderung erreichen. Das geht mit einem Golf- oder Tennisball. Wichtig ist die richtige Druckstärke und Dauer zu kennen. Das Thema Triggerpunktbehandlung ist sehr komplex und man braucht etwas Übung, um nicht das Gegenteil erreichen. Auch hier gilt: Ausprobieren.

Yoga / Alexandertechnik

Yoga mache ich nun schon seit vier Jahren. Es gibt nichts Besseres für deine Haltung und dein Körpergefühl. In den einzelnen „Asanas“ lernst du deinen Körper immer besser kennen und spürst, wo sich Verhärtungen und Blockaden befinden. Diese löst du in sanften Bewegungen. Deine Muskulatur wird flexibler und beweglicher. Entspannung gibt es noch obendrauf. Da ich sehr groß bin und am Schreibtisch sitze, trug ich jahrelang einen extremen Rundrücken mit mir herum, der die Schmerzen letztendlich noch verstärkte. Nach vier Jahren Yoga kann ich sagen, dass ich viel aufrechter sitze und gehe und genau spüre, was da in mir vorgeht.

Ein absolutes AHA-Erlebnis hatte ich bei der Alexandertechnik. Es ist eine sehr sanfte Methode um Fehlhaltungen und schlechte Angewohnheiten zu korrigieren. Bei der Alexandertechnik werden die Lernenden angeleitet, ihren Körper beim Sitzen, Aufstehen, Stehen, Gehen, Tragen und Sprechen bewusst zu gebrauchen und nicht reflexartig eine verspannte oder anstrengende Haltung einzunehmen, welche die gesamte Bewegungsfreiheit und das Wohlbefinden beeinträchtigt. Mehr Infos zur Alexandertechnik findet ihr in DIESEM Blog und unter www.alexander-technik.org

Nahrungsergänzungsmittel (NEM)

Schmerzen verursachen Stress. Gestresste Menschen verbrauchen viel mehr Nährstoffe. Eines davon ist Magnesium. Besorgt euch ein gutes Magnesiumpräperat, am besten Magnesiumcitrat. Es wird auch als das „Salz der inneren Ruhe“ bezeichnet. Des Weiteren könnt ihr lithiumreiches Wasser trinken, um eure Psyche zu stabilisieren. Ein natürliches Schmerzmittel ist MSM.
L Tryptophan ist eine Aminosäure, die für guten Schlaf und innere Ruhe sorgt. Darüberhinaus würde ich Vitamin D3 und einen Vitamin B Komplex empfehlen. NEM sind nur als Zusatz zu betrachten und nicht als Ausgleich für eine schlechte Ernährung 🙂

Ihr seht, man ist seinen Schmerzen nicht ausgeliefert. Allein die Tatsache, dass man mehrere Optionen hat, wirkt beruhigend. Ich wünsche euch ein schmerzfreies 2019! Schreibt mal in die Kommentare, was euch so hilft.