Stellt euch folgende Situation vor: Husten in der Nacht. Ihr steht auf, zündet euch eine Kerze an und geht durch die dunklen Flure in das Zimmer nebenan. Kälte liegt in der Luft, das Holz im Kamin ist schon vor Stunden verbrannt. Euer Kind liegt im Bett, vom Husten gequält, sieht es euch noch einmal mit wehleidigen Augen an. Es hat Fieber. Eine Krankheit, gegen die niemand etwas ausrichten kann. In letzter Hoffnung schickt ihr eine Brieftaube an Doktor Albertos, der vielleicht die Qualen ihres Kindes mit einem Kräutersaft mildern kann. Mit der Kutsche dort hinzufahren, würde zu lange dauern. Doktor Albertos wohnt am Ende der Welt, direkt vor dem Abgrund in das Weltall hinein. Ihr hebt eine Steinplatte von der Erde, in der ein Gedicht eingemeißelt ist. Mit leiser Stimme lest ihr eurem Kind ein paar Zeilen vor. Es beruhigt sich. Langsam schläft es wieder ein. Müde tretet ihr aus dem Haus und schaut in den Sternenhimmel. Anhand der Sterne könnt ihr ermitteln, dass es vier Uhr ist und die Götter bald den Sonnenball zur Erde schicken. Mühselig beginnt ihr ein Feuer zu machen, um das Frühstück zuzubereiten. Anschließend lauft ihr zum Fluss, um einen Fisch zu fangen. Unterwegs werdet ihr von einem Bären überfallen und gefressen.

Man könnte diese Geschichte ewig weiterspinnen. Eine Geschichte, die vermutlich aus der Vergangenheit stammt.

Doch halt! Es könnte auch heute sein, wenn…

…ja, wenn Menschen wie Albert Einstein, Thomas Da Vinci, Alva Eddison, Alexander Fleming, Ludwig von Beethoven, Thomas Mann, Steve Jobs u.a. das heutige Schulsystem besucht hätten. Sie würden anstatt im stillen Kämmerlein eifrig an der Glühbirne zu basteln, Sinfonien zu schreiben, Computer zu entwickeln, das Penicillin zu entdecken oder die Relativitätstheorie zuerkennen,

den ganzen Tag über Hausaufgaben machen.

Hausaufgaben bis die Sonne untergeht. Genau das, tun unsere Kinder heute. Tagein, Tagaus. Sie sollen nicht mehr zum Nachdenken kommen, durch den Wald rennen, ein Instrument lernen, sich mit Dingen beschäftigen, die sie interessieren. Wäre ja auch doof, wenn so ein Pfiffikus mit seiner Idee plötzlich das gesamte Energieproblem löst. Stattdessen werden Vokabeln gepaukt, Gesetze auswendig gelernt, abgeschrieben und aufgesagt. Immer mehr Stoff wird in die kleinen Köpfe hinein geprügelt, bis sie in der 12. Klasse ausgebrannt und bereit für das Arbeitsleben sind.

Hausaufgaben, was ist das? Eine Strafe?

Einem Erwachsenen sagt man doch auch nicht „Deine Hausaufgabe ist es, das Auto fertig zu reparieren“, wenn er den Feierabend antritt. Als ich damals von der Schule nach Hause kam, flog der Schulranzen in die Ecke. Dann war Freizeit angesagt. Mit Freunden treffen, Klavier spielen, Bandprobe! Heute geht es nach der Schule erst so richtig los. Die armen Kinder sitzen bis in den Abend hinein über ihren Schulbüchern und lernen stumpf irgendetwas auswendig, das nach der nächsten Klassenarbeit schon wieder vergessen ist. Über WhatsApp, beim Nachbarn, bei den Eltern, Tanten und Onkeln, Bekannten und Freunden wird Hilfe geholt. Für die Kleineren sind die Aufgaben viel zu schwer. Wer hat das bitte erfunden?

Lernen geht über Verstehen. Verstehen über tun.

Ein weiteres Problem unseres Schulsystems: Man schaut nicht auf die Talente unserer Kinder, sondern auf ihre Defizite. Da kommt Lukas in Mathe nicht mit, ist jedoch ein musikalisches Genie. Dann soll er doch verdammt nochmal Musik machen, eine Punkband gründen und die Welt erobern. Aber nein, er muss komplexe Aufgaben rechnen. Das müssen alle können! Bernd könnte rechnen, der hat Freunde an komplexen Aufgaben und wird später das Energieproblem lösen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht den Lehrern die Schuld geben, sie sind nur Teil des Systems. Sicher könnte man in einer Klasse mit 10 Schülern auch mehr auf Individualität setzen, als sich vor 32 Kindern abzukämpfen. Eher möchte ich darauf hinweisen, dass es heute genügend alternative Schulformen gibt, die man sich mal anschauen könnte. Denn hängt man einmal in einem Schulsystem fest, ist es schwer wieder heraus zu kommen. Hier mal ein Beispiel:

Ich bin mir sicher, dass es irgendwann ein bedingungsloses Grundeinkommen geben wird. Maschinen werden den größten Teil unserer Arbeit übernommen haben. Unser Alltag wird sich radikal ändern. Dann ist Kreativität gefragt, Leidenschaft, Empathie, soziales Engagement, die Freude am Leben. Eine 1 in Mathe oder das Induktionsgesetz wird uns da nicht weiter bringen.