Ja, sie steht nur an zweiter Stelle, damit muss sie sich abfinden. Manchmal bringt sie mich zur Weißglut, an anderen Tagen hüllt sie mich ein wie eine warme Decke. Sie ist immer sehr direkt zu mir, manchmal auf laute, manchmal auf leise Weise. Sie ist groß und kräftig, bewegt sich nie von der Stelle. Und doch geht sie oft mit mir spazieren. Ich liebe ihre glatte, zarte Oberfläche. Ihre Stimme, ihren Charakter.

Die zweite Liebe meines Lebens ist das Klavier😊

In den Achtzigern oft missbraucht, um schnullige Popsongs zu untermalen, schlägt das Klavier in den letzten Jahren neue Töne an. Hätte mir damals jemanden erzählt, ein Solo Pianist füllt die TUI Arena, dem hätte ich einen Vogel gezeigt. Doch Menschen wie Nils Frahm, Ólafur Arnalds, Ludovico Einaudi und Gonzales haben es auf die großen Bühnen geschafft. Mit ganz minimaler Klaviermusik.

Als ich 1998 in meiner Heimat Flyer für den ersten Akustikabend verteilte, schauten mich die meisten eher skeptisch an. Doch ich wollte raus, meine Gefühle niederlegen. Dem Zuschauer zeigen, was dieses Instrument hervorrufen kann. Zuvor war ich lange Zeit zur Kur und fand in einer alten Kammer ein Klavier. Über die acht Wochen der Einsamkeit gab mir dieses Instrument Halt. Es entstanden Stücke wie Maskerade, Weltentraum und Sperare. Nie hatte mich etwas zuvor so tief berührt.

Was, wie nur Klavier? Das ist doch langweilig!

Dies war eine häufige Reaktion auf meinen Flyer. In unserer landschaftlichen Idylle beherrschten damals Coverbands die Spielorte. Voller Inbrunst schmetterten sie dem angetrunkenen Publikum Songs wie „Summer of 69″ oder „The final Countdown“ um die Ohren. Musik zum Mitsingen, Bier heben und nebenbei hören. Das Leben vergessen. Die Vorstellung still vor einem Klavier zu sitzen, löste eher Schrecken aus. Viele stempelten mich damals als Esoteriker ab, jemand der im stillen Kämmerlein bei Kerzenlicht Gedichte schreibt. Einige hatten jedoch den Mut zu meinem Akustikabend zu kommen.

Schon bei den ersten Tönen spürte ich, was in diesem Raum mit den Zuschauern geschah.

Sie mussten sich durch die Stille, durch das Wiederholen der Melodien, durch die Wärme und Monotonie meiner Musik irgendwann mit sich selbst beschäftigen. Der Alltag verschwand aus ihren Köpfen, langsam kehrten sich die Gedanken nach innen. 1998 kannte noch niemand Meditation oder Achtsamkeit und nur Wenige kamen auf die Idee, sich mit ihren eigenen Ich auseinander zu setzen. Das war verpönt in meiner Heimat. Wenns einem schlecht ging, wurde ein Bier aus dem Keller geholt. Oder man fuhr mit 220 km/h vor einen Baum. Ich glaube der Akustikabend und später auch die ganze Neo Klassik wurde nur deshalb zu einem Erfolg, da so viele Menschen nach mehr suchten.

Als ich zehn Jahre später vor über 1000 Zuschauern saß und mein Wavemarie anstimmte, hatte ich begriffen, welche Macht ein Klavier besaß.

Es ist die Suche nach dem Inneren, der Stille, der Sinnhaftigkeit des Lebens. Das Hochholen lang unterdrückter Gefühle. Die Renaissance des Klaviers unterliegt der Achtsamkeit und Meditation, da bin ich mir sicher! Niemand kann das ICH besser an die Oberfläche transportieren, als ein Klavier.

Mein Freund Martin Kohlstedt stand ebenfalls auf der Akustikabendbühne.

Er besaß den Mut seine Berufung zum Beruf zu machen. Als einer der ganz Großen, fährt er heute in der Welt umher und greift tief in die Seelen der Menschen. Seine Musik ist ebenfalls Meditation. Wer dies erfahren möchte, sollte eines seiner Konzerte besuchen.

Wenn ich heute in meinem Musikraum Wavemarie anspiele, kommt die Frage in mir hoch, ob der Akustikabend den einen oder anderen Menschen verändert hat. Vielleicht sitzt da jemand heute auf seinem Meditationskissen, anstatt mit 220 km/h über die Straßen zu heizen. Weil ihm die Musik ihm gesagt hat, das er mehr Wert ist.