Wenn ich durch den Söhrer Wald laufe, beobachte ich gern die Bäume. Majestätisch ragen sie gen Himmel, halten jedem Wetter stand und lassen sich durch nichts beeindrucken. Kurz vor der Feldmark stehen drei dicke Buchen, dazwischen ein schmaler eher schief gewachsener Baum. Sein Stamm ist ca. 10 cm schmal, seine Krone besteht aus ein paar dünnen Ästen. Eher schlecht als recht wankt er im Wind und macht den Eindruck, bald umzukippen. Dieser Baum ist mir ans Herz gewachsen, denn wir sehen uns sehr ähnlich 🙂 Gestern lief ich mal wieder dort entlang und ein Gedanke kam in mir auf. Nimmt sich dieser Baum zu Silvester eigentlich etwas für das neue Jahr vor? Vielleicht mal zuzunehmen, sich eine schönere Krone wachsen zu lassen, aufrecht zu stehen oder mehr Blätter zu haben. Ich musste schmunzeln.

Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die ständig einer Perfektion hinterher rennen.

…die nie zufrieden sind mit dem, was ist. Die sich immer selbst optimieren müssen. Gerade zu Silvester geht die große „Ich muss mal was verändern“ Rallye wieder los. Diäten, Sportprogramme und neue Lebensweisheiten haben Hochkonjunktur. Ich selbst bin auch so ein Kandidat gewesen. Seit meiner Kindheit laufe ich Idealen hinterher, vergleiche mich mit Anderen oder geißele mich mit Selbstverbesserung.

Los ging es in meiner Jugend. Hinter meiner Hühnerbrust versteckt, saß ich im Sportunterricht in einer Ecke und schaute neidisch zu den muskulösen Jungs. Mit ihren eng anliegenden Tanktops brauchten sie nur mit den Finger zu schnipsen und die Mädels saßen auf ihrem Schoss. Ich wollte das auch, darum meldete ich mich bald im örtlichen Fitnesscenter an, um monatelang die 5 Kilo Hanteln in die Höhe zu heben. Das Ergebnis war: Nix, Null, Niente, Nothing. Mein Körper weigerte sich vehement auch nur ein Gramm Muskeln aufzubauen. Ich gab frustriert auf. Danach entdeckte ich den Basketball für mich. Auch hier orientierte ich mich natürlich nur an den Großen wie Scottie Pippen, Michael Jordan und co. Sie konnten trotz geringer Körpergröße aus dem Stand den Ball im Korb versenken. Ich, mit meiner Größe von 1,96 Meter, hatte die Sprungkraft eines Kachelofens. Also trainierte ich wie besessen an meiner Sprungkraft, bis ich endlich an diesen doofen Ring kam. In den Punktspielen stolperte ich mehr schlecht als recht über meine eigenen großen Füße und wurde vom Trainer sofort wieder ausgewechselt. Der Frust stieg, ich gab den Basketball auf.

Nach dem Basketball kam das Klavierspiel. Hier entdeckte ich tatsächlich ein Talent in mir und merkte schnell, dass ich mich mit diesem Instrument ausdrücken konnte. Jedoch war ich damit nicht zufrieden. Ich verglich mich ständig mit meinen Musikerkollegen, die mir technisch weit voraus waren. Krampfhaft saß ich vor der Klaviatur und arbeitete meine Fingerübungen ab, bis die Finger schmerzten. Mein Ziel war es, immer besser zu werden.

Auch in meinen Konzerten war ich nie so richtig zufrieden. Anstatt den Moment zu genießen, überlegte ich während des Spielens schon, was man beim nächsten Konzert besser machen könnte. Wie man mehr Zuschauer bekommt, was man an innovativen Ideen einstreuen könnte, welche Videos man noch einbauen müsste. Irgendwann fing ich an zu schreiben und strebte der Weltliteratur hinterher. Der erneute Kraftsport trieb mich in eine Essstörung. Im Funktionstraining wurde ich auf meine Fehlhaltung aufmerksam gemacht, die ich seitdem bekämpfte. Beim Krav Maga (einer Kampfsportart) nannten sie mich Bambi. Als ich mit dem Laufen anfing, hatte ich schon den Marathon im Kopf. Langsam baute mein Körper immer mehr ab, nun sollten es die Nahrungsergänzungspillen richten. Der Schlaf sollte optimiert werden und der Tag wurde in Kategorien unterteilt.

Und während ich stetig gegen mich kämpfte und versuchte immer perfekter zu werden, merkte ich nicht, dass ich immer kranker und trauriger wurde. Irgendwann hatte mein Körper genug von diesem Wahnsinn und sagte STOP!!!

Zurück zum Baum.

Er steht dort im Wald, wie jeder andere. Er bewertet sich nicht und wird nicht bewertet. In der Natur gibt es keine Perfektion. Das ist nicht vorgesehen. Alles ist individuell und einzigartig, so wie es ist. Die dicke Buche gehört zu unserer Natur, wie auch dieser schiefe, schmale Baum. Vielleicht sollten wir Menschen uns davon mal eine Scheibe abschneiden. Erst wenn wir uns akzeptieren lernen, können wir zur Ruhe kommen. Wir könnten gelassen unsere Leben betrachten und es genießen. Erst durch Yoga und Meditation habe ich gelernt, mich selbst zu akzeptieren. Und plötzlich kam alles fast von allein.

Nehmen wir mal das Beispiel abnehmen. Ein Klassiker, der zu Silvester auf jeder zweiten Vorsatzliste steht. Anstatt sich wieder einer Diät hinzugeben, sich bis März zu geißeln, habe ich einen Vorschlag. Lasst doch einfach mal los. Euer Körper sagt euch schon von selbst, was ihm gut tut und was nicht. Macht euch gar keine Gedanken über euer Essen, fokussiert es nicht. Esst, wenn ihr Hunger habt und was ihr wollt. Spätestens nach der dritten Pizza werdet ihr merken, dass euer Körper nach Nährstoffen und Vitaminen schreit. Er sagt euch schon, was er in diesem Moment braucht. Dazu benötigt man keinen Plan. Im Sport ist es das Gleiche. Anstatt wieder einen Vertrag im Fitnesscenter abzuschließen, eure Fitnessuhren zu programmieren und lustlos Montags, Mittwochs und Freitags die Gewichte zu stemmen, hört einfach mal auf eure innere Stimme. Vielleicht sagt sie euch so etwas wie: tanzen, Parcour, klettern, spazieren gehen, Kniebeugen neben dem Schreibtisch oder Trampolin springen. Den einen Tag möchte dein Körper lieber auf dem Sofa liegen bleiben, einen anderen Tag sich bewegen. Alles geschieht ohne Vorsatz und ohne Druck. Und plötzlich, ganz langsam, purzeln die Pfunde. Man wird besser und kommt voran. Ohne, dass man es überhaupt fokussiert hat. Ich habe es beim Klavierspielen gemerkt, beim Laufen, beim Schreiben, bei der Meditation.

Für 2019 habe ich mir vorgenommen, mir nichts vorzunehmen.

Das erste mal seit so langer Zeit. Die Dinge einfach laufen zu lassen, sei es im Sport, in der Ernährung, an der Arbeit oder im Hobby. Die Natur macht es genauso und fährt sehr gut damit. Einfach loslassen. Ein sehr befreiender Gedanke. Am Ende unseres Lebens werden wir uns nicht unsere Perfektionen aufzählen, das wir schlank waren, sportliche Höchstleistung erreicht haben, muskulös waren, erfolgreich oder vermögend. Es wird darum gehen, auf ein glückliches Leben zurück zu schauen.

Ich wünsche euch ein gutes Neues 2019.