An einem Wochenende im Dezember ging ich auf Reisen, um einen alten Freund in Weimar zu besuchen. Wir kommen aus der gleichen Gegend und suchten damals nach einer Form uns auszudrücken. Diese fanden wir in unserem Klavierspiel. Mein Kumpel hat dieses Hobby zum Beruf gemacht und ist damit sehr erfolgreich. Ich habe einen anderen Weg eingeschlagen und bin heute glücklicher Familienvater mit einem klassischen Beruf. Bei diesem Besuch prallten zwei Welten aufeinander. Freiheitsgedanke vs. Sicherheitsgedanke. Außerdem war es eine Reise in unsere Vergangenheit. Eine Vergangenheit, mit der wir beide abschließen wollen und es doch nicht können.

Auf der Suche nach Freiheit

Nach einer entspannten Zugfahrt empfing mich mein Kumpel mit seiner neuen Freundin an Bahnhof. Wie üblich befeuerten wir uns zur Begrüßung mit dummen Sprüchen, um unsere Unsicherheit zu überspielen. Dies war auch schon damals unser Ritual. Danach holten wir ein paar Lebensmittel für unseren Kochabend und fuhren nach Hause. Beide leben in einer riesigen offenen Einraumwohnung, die sich unter dem Dach einer Villa über Weimar erstreckt. Ein Balkon eröffnet eine beeindruckende Sicht über die Stadt. Das Herzstück des Raumes ist ein alter Flügel, der erst neulich Einzug hielt. Eine Wohnung, die genau diesen Freiheitsgedanken meines Kumpels widerspiegelt. Nach der Führung begann ich zu kochen, was mir Sicherheit gab. Am Herd fühle ich mich zu Hause und ich liebe es für andere Essen zuzubereiten, je komplizierter desto besser 🙂 

Beim Wein kamen wir in Redestimmung und wie gewohnt ging es auch gleich in die Tiefe. Unsere Vergangenheit stand auf dem Prüfstand, so wie jedes Mal, wenn wir aufeinander treffen. Darauf folgten unsere Lebensmodelle und was daraus entstanden ist. Für meinen Kumpel steht wie schon gesagt, die Freiheit an erster Stelle, mir ist die Sicherheit und eine Struktur wichtiger geworden. Noch vor ein paar Jahren suchte ich auch ständig nach der äußeren Freiheit. Doch seitdem ich meditiere, weiß ich, dass Freiheit im Inneren entsteht. Es hat nichts damit zutun, ob man in einem Büro arbeitet oder durch die Welt tourt. Trotz allem bewundere ich meinen Kumpel, dass er den Mut hat, diesen Weg zu gehen.

Auf der Suche nach Sicherheit

Am späteren Abend bekamen wir weiteren Besuch. Zwei liebe Menschen, die im Theaterbereich tätig sind, beehrten uns. Schon in den ersten Minuten spürte ich mich zugehörig, die Chemie stimmte zwischen uns. Wir redeten über das Reisen, tauschten Gedanken über das Leben aus und schwelgten in Erinnerungen. Trotz dieser schönen Gespräche, wuchs meine Unsicherheit zu einem überdimensionalen Monster heran. Ich spürte wieder dieses suchende Gefühl. Warum habe ich nicht diesen Weg gewählt? Warum war ich nicht mutiger? Ich versuchte mich mit meinen inneren Kern zu verbinden, doch letztendlich siegte diese fragende Stimme in mir. Um zu beweisen, dass ich auch etwas zu sagen habe, ging ich zum Flügel, um mein Lieblingsstück Wavemarie zu spielen. Jedoch schon bei den ersten Tönen verkrampften meine Finger. Zu viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher, die Unsicherheit hatte mich nun völlig eingenommen. Wo war der Stolz auf mein Leben, auf meine Liebe, auf meinen Weg. Diese fiesen alten Selbstzweifel hatte ich doch schon lange hinter mit gelassen. Der Gedanke an meine Familie rettete mich. Ich hörte auf zu spielen und lief leise zurück zum Tisch. Dank meiner Meditation, fand ich recht schnell meine innere Stille wieder zurück. 

Auf der Suche nach der Gelassenheit

Am nächsten Tag nahm mich mein Kumpel mit nach Storkow. Dort spielte er ein Klavierkonzert in einer Kirche. Eine sechsstündige Reise lag vor uns, viel Zeit zum reden. Sehr ausführlich sprachen wir über seine Musik und diesen Freiheitsgedanken. Auf jedem seiner Konzerte nimmt mein Kumpel das Scheitern mit auf die Bühne. Es gibt kein festes Programm, kein Ablauf. Seine Stücke bestehen alle aus drei Buchstaben und verändern sich fortlaufend. Es kann passieren, dass er während eines Konzertes inmitten seines Klavierspiels abbricht und ein anderes Stück beginnt. Ich dagegen bin ein Mensch, der seinen Ablauf braucht. Ich bereite mich Monate auf mein Programm vor. Meine Stücke sind fest und mir fällt es schwer, sie zu verändern. So ist auch mein Alltag. Ich muss mich an etwas festhalten können, die Konstante bringt mir inneren Frieden. Es gibt jedoch Momente, da kann ich auch loslassen. Beim Laufen passiert es sehr oft, manchmal auch beim Klavier spielen. Bei diesem Gespräch kam mir immer wieder ein Gedanke auf. Wenn man bei jedem Konzert darauf hinweist, das man nicht konstruiert, dass das Scheitern immer eine Möglichkeit ist, entsteht daraus nicht auch ein Konstrukt? Das Loslassen entsteht doch in erster Line, wenn man nicht über das Loslassen nachdenkt. Das ist auch das Gesetz der Meditation. Wir waren angekommen.

Auf der Suche nach Zugehörigkeit

Storkow erinnerte mich ein wenig an meine alte Heimatstadt. Einmal im Jahr organisieren hier die weggezogenen Jugendlichen ein Festival sowie auch dieses Klavierkonzert. In der Kirche war noch niemand zu finden, darum liefen wir über den Weihnachtsmarkt auf eine Burg mit einem schönen Cafè. Endlich gab es was zu essen und eine Espresso hinterher. Danke! Satt und zufrieden saßen wir nebeneinander, quatschten sinnloses Zeug`s und machten alberne Bilder. Es war sehr befreiend mal den Geist loszulassen. Ein leichter Moment!

Als es dunkler wurde, machten wir uns auf den Weg zurück zur Kirche. Es hatten sich schon ein paar Helfer eingefunden, die uns herzlich empfingen. Mir ging sofort das Veranstalter Herz auf und ich dachte an die Akustikabende zurück. Wie schön waren doch die Stunden des Aufbaus mit Freunden. Ein Abend lebt von diesen Menschen, die etwas Schönes mit Liebe entstehen lassen. Jeder hat seine Aufgabe und seinen Platz. Auch ich bekam den Merch aufgetragen und so gehörte ich zum Team und fühlte mich integriert.

Nach dem Aufbau folgte der Einlass. Ich setzte mich in die dritte Reihe und nahm mir zum Vorsatz, dieses Konzert mit geschlossenen Augen zu genießen.  Diesmal ohne zu zu bewerten und ohne zu vergleichen. Für mich eine Herausforderung, bei einem Klavierkonzert. Nach und nach füllte sich die Kirche. 200 Menschen fanden ihre Plätze auf den alten Bänken. Mich machte es stolz, dass mein Kumpel es soweit gebracht hatte. Am Ende der Welt diese alte Kirche zu füllen, muss ein tolles Gefühl sein. In den letzten Minuten vor dem Konzert galt es zur Ruhe zu kommen, was nicht einfach war. Mein “altes Ich” saß neben mir. Im Sekundentakt schaute er aufs Handy, wippte, stöhnte und schaute erneut aufs Handy. Sofort sprangen meine Spiegelneuronen an, die ich schnell wieder beruhigen musste. Mein Kumpel trat auf die Bühne und die ersten Töne des Klaviers beruhigten nun auch meinen Sitznachbarn. In Stille mit geschlossenen Augen, schaffte ich es das ganze Konzert zu genießen. Es war das Highlight dieses Wochenendes.

Auf der Suche nach dem Selbst

Die Stille blieb auch bei der Rückfahrt bewahrt, bis mein Kumpel mir mitteilte, heute Nacht noch auf eine Technoparty gehen zu wollen. Dieses Wochenende war eh ein Trip in meine Vergangenheit, darum willigte ich ein. Um 1.30 Uhr liefen wir singend durch die leergefegten Straßen von Weimar. Ich fühlte mich wie 18, war überhaupt nicht müde und voller Energie. Gespannt wie man heute so feiert, standen wir nun in der Schlange vor dem alten MDR Gebäude. Dumpfe,  hämmernden Beats drangen in mein Ohr. Nach dem Einlass musste ich feststellen, dass sich nichts verändert hatte. Qualm, Strobo, Gewölbekeller, Sogar Acid aus den 90er war anscheinend wieder angesagt. Was sich jedoch verändert hatte, waren die Menschen. Während wir damals gemeinsam feierten, wurde hier nur die Selbstdarstellung zelebriert. Jeder hatte eine Kunstrolle eingenommen, die er auf keinen Fall loslassen wollte. Um mich tanzten Instagram Accounts, gefestigt in einer Vorstellung ihrer selbst. Man nahm sich gar nicht war in diesem Raum. Niemals traf sich auch nur ein Blick oder ein Lächeln. Anfänglich hatte ich stark damit zu kämpfen, mein Ego nicht zu verlieren. Jedoch half mir mein innerer Kern durch die Nacht.

Zerbrochen an diesem Abend, war ein junges Mädchen. Es saß weinend mit einer Flasche Gin vor der Treppe und starrte ins Leere. Wir brachten sie nach Hause und mein Kumpel sang Lieder aus dem 90ern, um sie aufzuheitern. So langsam beruhigte sich dieses Mädchen und erzählte uns, dass sie noch nicht lange in Weimar wohnt. In ihren Worten lag die Sehnsucht nach Anerkennung. Hier wurde mir bewusst, wie schwer es in diesen Zeiten geworden ist, sich selbst zu finden. In einer Generation, wo alles inszeniert und konstruiert ist. Danke an alle sozialen Netzwerke. Das habt ihr toll gemacht.

Angekommen

Der dritte Tag war geprägt von Müdigkeit und Sticheleien. Bei uns beiden war die Luft raus und so beschlossen wir unser gemeinsames Wochenende zu beenden. Mein Kumpel und seine Freundin brachten mich noch zum Bahnhof. Wir umarmten uns und ich stieg in den Zug. Auf der Fahrt ließ ich mein Wochenende Revue passieren. Es hat mir deutlich gezeigt, wie wertvoll doch mein Leben ist. Genau diesen Alltag, die festen Abläufen, meine Familie, die Meditation möchte ich nie wieder hergeben. Genauso wird mein Kumpel über sein Leben denken. Es ist manchmal gut, auf Suche zu gehen. Oft stellt sich dabei heraus, wie schön es doch ist, angekommen zu sein. Danke für dieses Wochenende und eure Gastfreundschaft. Ich habe es sehr genossen.