Ernährungsmythen soweit das Auge reicht. Überall wird diskutiert, ob nun die Low Carb – High Fat Ernährung, die vegane Ernährung, die Paleo Diat oder die Alles was keinen Schatten wirft Ernährung für den menschlichen Körper am besten sei. Ich werde einen Teufel tun, mich auf diese Diskussionen einzulassen. Da kann man sich nur die Finger verbrennen. Es gibt jedoch etwas, dass mich bewegt. Jeden Tag, wenn ich über den Weihnachtsmarkt oder in der Innenstadt laufe, erwachen diese Gedanken in mir. Wir sollten uns nicht darüber den Kopf zerbrechen „was wir essen“, sondern „wie wir essen!“ Wenn man dazu noch essen sagen kann. Eher trifft es Stopfen. Viele Menschen in unserem Land nehmen gar nicht mehr war, was sie sich rein schieben. Immer und überall wird nebenbei gemampft, genascht und gestopft, was die Pommesbuden so hergeben. Entweder aus Frust oder aus Langeweile. Essen ist schließlich immer und überall verfügbar. Wo ist bitte unsere Esskultur geblieben?

Um zu sehen wie es anders geht, brauchen wir nur in unser geliebtes Land Italien fahren. Hier zelebriert man noch jede Mahlzeiten. Jeden Abend sitzen alte und junge Menschen beisammen, essen, leben, lachen und genießen. Frische und regionale Zutaten werden von den „Mamas“ mit Liebe zubereitet und serviert. Da kann ein Sieben-Gänge-Menü schon mal bis in die Nacht hinein gehen. Ein kleiner Ablauf gefällig? (Quelle www.gardasee.de/esskultur)

Aperitivo: Der Aperitif wird oft bereits auf dem Weg ins Restaurant in einer Bar getrunken.
Antipasti: Die Vorspeisen sind in Italien eine wahre Pracht aus unzähligen typischen lokalen Spezialitäten. Oft kann man sich auch einen kleinen Teller am Buffet zusammenstellen.
Primo (piatto): Der erste Gang ist in der Regel ein Pastagericht, Risotto oder eine Suppe.
Secondo (piatto): Der zweite Gang ist der eigentliche Hauptgang und besteht aus Fleisch oder Fisch. Beilagen – die „contorni“ – werden separat dazu bestellt.
Dolce oder formaggio: Als Nachtisch gibt es Süßspeisen, Obst oder Käse.
Caffè und digestivo: Zum Abschluss wird noch ein Café und ein Digestif, wie zum Beispiel Grappa oder Amaro getrunken – oder die Kombination aus beidem ein caffè corretto.

In Ländern wie Indien oder Marokko, treffen abends tausende von Menschen auf riesige Märkten zusammen. Hier wird die Zubereitung der Speisen so richtig zelebriert. Indien ist bekannt für seine vegetarische Küche und in Sachen „Street Food“ können wir uns eine große Scheibe abschneiden. Gewürze spielen hier eine große Rolle und so viel frische und gute Zutaten kann man in Deutschland vergeblich suchen.

In Spanien trifft sich das ganze Dorf, um die bekannte Paella zuzubereiten, in Japan muss man Meister sein, um Sushi zu rollen und in Frankreich stehen Speisen auch mal gut und gern zwei Tage auf dem Herd.

Und in Deutschland? Ja, in Deutschland gibt’s Nutellabrötchen, zwischendurch schiebt man sich eine geröstete Bratwurst rein, Kekse im Büro, ne schöne Fertigpizza beim Fernsehen und hin und wieder gönnt man sich Schnitzel mit Pommes. Man sitzt zeitungslesend beieinander und isst gegen die Zeit. Ohne wirklich wahrzunehmen, was da auf dem Teller liegt.

Ich glaube, wir müssten uns um Ernährungsmodelle und Essenzeiten, um Kalorien und Nährstoffe keine Gedanken mehr machen, wenn wir wieder lernen, unsere Mahlzeiten mit Genuss einzunehmen. Denn Genuss heißt für den Körper Entspannung. Auch das Kauen sollte man nicht unterschätzen, denn mit der Zerkleinerung der Nahrung, kommt erst der wahre Geschmack zu Tage. Nicht umsonst haben wir tausende Rezeptoren im Mund.

Probiert mal bitte folgendes kleines Experiment. Esst mit geschlossenen Augen eure Mahlzeit. Versucht wahrzunehmen, was ihr gerade im Mund habt. Beschreibt, was ihr schmeckt, wie die Konsistenz ist, ob ihr es mögt oder nicht. Vergesst nicht zu kauen, denn erst dann werden alle Aromen entfaltet. Ihr werdet verwundert sein, wie süß  eine Möhre schmecken kann oder wie erdig der Geschmack von Roter Beete ist. Man schmeckt sofort heraus, ob Fleisch frisch oder schon alt ist. Wahnsinnig interessant finde ich die Aromen von Käse. Desto öfter man achtsam isst, desto mehr bekommt man mit, was einem gut tut. Der Geschmackssinn kehrt zurück und spätestens dann, denkt man darüber nach, was man da so in sich rein schiebt.

Oft begegne ich Menschen, die so hastig essen, dass sie zu schwitzen beginnen. Manche bekommen gar keine Luft mehr oder einen Niesanfall. Wenn man nach seiner Mahlzeit aussieht als hätte man gegen Mohamed Ali geboxt, sollte man über sein Essverhalten nachdenken. Niemand wird euch das Essen vom Teller nehmen. Die Urzeit ist vorbei, ihr könnt euch entspannen!

Ein dankbarer Ausweg aus dieser Mühle ist das Kochen. Wenn man selbst kocht, wird man sein Essen schätzen lernen. Es gibt dann nicht drei oder vier Mahlzeiten aus der Tüte, sondern eine mit Liebe zubereitete Speise. Um das Ganze noch zu verfeinern, geht auf den Markt! Riecht die vielen frischen regionalen Lebensmittel, probiert sie aus. Redet mit dem Verbraucher, sie sind dankbar und geben euch gern Auskunft. Mein wöchentliches Highlight ist es, auf den Neustädter Markt zu fahren und mich inspirieren zu lassen. Da fallen mir jedes Mal tausend neue Rezepte ein. Kocht mit euren Kindern, damit legt ihr den Grundstein für ein gesundes Leben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder Gemüse eher probieren, wenn sie es selbst zubereiten.

Für alle Kochfaulen von euch. Ihr müsst nicht immer zwei Stunden am Herd stehen. Dazu hätte ich auch gar keine Zeit und Lust. Wenn ihr wenig Zeit habt, sucht euch Rezepte raus, die wenig Zutaten enthalten. Lieber frisch und reduziert, als ein Menü mit 100 Zutaten und Gewürzen, das in einem Fiasko endet. Hier ein paar Beispiele meines Küchenhelden Jamie:

Guten Appetit 😉